Schreibwerkstatt

 

In Schreibwerkstätten sollen die Teilnehmer an das Schreiben herangeführt werden. Ganz wichtig zu beachten ist jedoch, dass Schreibwerkstätten keine Talentschmieden sein sollen. Es geht nicht darum „Miniautoren“ zu formen, sondern jeden Schüler auf der Stufe abzuholen auf der er sich befindet und ihn zum Schreiben anzuregen. Die so entstehenden Texte, Gedichte und Wortspielereien sollen nicht bewertet werden. Im Mittelpunkt steht der Spaß am Schreiben und am Umgang mit Wörtern. Schreibwerkstätten nutzen die Methode des kreativen Schreibens. Beim kreativen Schreiben geht es darum, den Schreibfluss erst einmal in Gang zu setzen und so die Freunde am kreativen Prozess wachzurufen. Ziel ist es, die Schüler dahin zu bringen, dass sie schreiben, zunächst einmal unabhängig davon wie sie schreiben.
Insofern können an Schreibwerkstätten alle Schüler teilnehmen, nicht nur die Besten der Klasse.

 

Schreibwerkstätten sind für die unterschiedlichsten Klassenstufen von der Grundschule bis in die Oberstufe geeignet. Je nach Niveau der Teilnehmer werden einfachere oder schwierigere Übungen durchgeführt.

 

Ideen für Schreibspiele:

 

• Clustern:
Eine sehr gängige Methode beim Gedichte schreiben ist das Clustern. Zu einem Thema oder einem Begriff wird alles assoziiert was einem innerhalb von ca. 5 Minuten einfällt, ohne diese Assoziationen in irgendeiner Form zu bewerten. Im nächsten Schritt schreibt jeder spontan auf, was ihm oder ihr unter Zuhilfenahme der Stichwörter aus dem Cluster einfällt. Zum Schluss wird der Text überarbeitet.

 

Geschichten können auch gemeinsam in der Gruppe geschrieben werden:

 

• Fließbandgeschichten:
Ein Anfangssatz wird vorgegeben. Jeder fügt einen oder mehrere Sätze auf einem eigenen Blatt Papier hinzu und reicht das Blatt and den / die Nächste weiter. Derjenige der das Blatt erhält, soll nur das lesen, was der Vorgänger oder die Vorgängerin geschrieben hat und dann wieder ein oder mehrere Sätze hinzufügen. Der übrige Text ist nach hinten geknickt. Am Schluss liest jeder / jede eine so entstandene Geschichte vor.

 

• Reih-um-Geschichten:
Jeder / jede bekommt eine Zeitungsseite und sucht interessante Wörter und Halbsätze heraus, diese werden herausgeschnitten und kommen in einen Topf. Danach zieht jeder Jugendliche reihum einen Begriff und erzählt eine kurze Geschichte zu den gezogenen Wörtern.

 

• Fortsetzungsgeschichten:
Der Gruppe bekommt eine Anfangszeile (z.B. von einem Gedicht) und soll diese fortführen. Interessant ist es, wenn man die Texte mit dem Originaltext zum Schluß vergleicht.

 

• Haiku:
Die Strenge Form des japanischen Haikus ruft selbst bei Schreibungewohnten sehr schnell Ergebnisse hervor. Für die Gruppe wird ein bestimmtes Thema vorgegeben. Jeder muss dabei die Silbenzahl beachten: Erste Zeile 5 Silben, zweite Zeile 7 Silben, die dritte Zeile hat wieder 5 Silben.

 

• Nachdichten:
Aus einem Gedicht eines bekannten Dichters entnimmt man alle Substantive. Aus diesen Worten soll ein neues, eigenes Gedicht gemacht werden.

 


Beispiel: Schreibwerkstatt Januar 2003 mit dem Autor Martin Bachmann

 

Bereits zum neunten Mal fand nun eine Schreibwerkstatt an der Offenen-Schule-Kassel-Waldau in Zusammenarbeit mit der Bibliothek statt.
Schreibwerkstatt bedeutet hier, dass der Fachbereich Deutsch zusammen mit der Schul- und Stadtteilbibliothek einen Autor oder eine Autorin einlädt, um drei Tage mit Schülerinnen und Schülern, in der Regel der 5. und 6. Jahrgänge, an fantasiegeleiteten Texten zu arbeiten.

Ort der jährlichen Schreibwerkstatt ist der Raum der Schul- und Stadtteilbibliothek im Gebäude unserer Schule.
Die Stadtteilbibliothek ist neben der Schule Trägerin der Veranstaltung. Zusammen mit der Bibliotheksleiterin, wählt die Schule einen Autor oder eine Autorin aus, die mit der Durchführung der Schreibwerkstatt beauftragt wird.

 

2003 konnte Martin Bachmann als Gastautor gewonnen werden. Er verfasste Jugendtheaterstücke, ist gelernter Puppenspieler, Intendant, Regisseur und Schauspieler.

 

• Thema und Arbeitsweisen:

 

Die Schülerinnen und Schüler verfassen zunächst kurze Geschichten, die dann zu
„Drehbüchern“ für Szenen um- und weitergeschrieben werden. Diese werden geprobt und die Texte in unterschiedlicher Form inszeniert: als Sketch, als Theaterszene und in einem Fall als Schattenspiel.

 

• Ablauf:

 

Erster Tag: Besprechung im Sitzkreis, Texte entstehen, werden vorgelesen und mit Martin Bachmann besprochen.

 

Zweiter Tag: Selbstverfasste Geschichten werden teils zu szenischen Texten umgeschrieben. Erste Improvisationen. In allen Ecken der Bibliothek wird diskutiert, gespielt, geprobt.

 

Dritter Tag: Kleingruppen einigen sich jeweils auf ihr „Stück“, das nun den ganzen Vormittag geprobt wird. Nach der Mittagspause, ab 13.15 Uhr beginnen die Vorführungen.
Publikum: geladene Mitschüler, einige Eltern.
Die Akteure (u.a. auch ein Figuren-Schattenspiel)

 

http://www.osw-online.de/schulleben/schulleb-schuelerakt-schreibwerk.htm

 

Beispiel: Schreibwerkstatt im Literaturhaus Stuttgart

 

Das Literaturhaus in Stuttgart veranstaltet speziell für Jugendliche Schreibwerkstätten. Es werden Workshops angeboten, die sich mit allen Bereichen des Alltags beschäftigen (z.B. HipHop, Science fiction, Prosa…). Unter fachkundiger Anleitung werden Texte erstellt und besprochen.
Veröffentlicht werden diese in der eigenen Zeitung „LiteraturMachen“. Einige Texte finden sich auch im Archiv der Homepage: www.literaturmachen.de oder dort direkt bei den Workshops.

 

Über Internetseite kann direkt Kontakt zu den Leitern der Workshops aufgenommen werden.
Die Rubrik „Schreiben im Dialog“ bietet die Möglichkeit Texte ins Netz zu stellen, die dann von anderen bewertet und besprochen werden. Gleichzeitig versteckt sich hinter dieser Überschrift ein internationales Projekt, das Schreibwerkstätten in Kooperation mit Städten in Polen, Ukraine und Lettland verwirklicht.
Diese Möglichkeiten können auch von Bibliotheken (in Kooperation mit Schulen) angeboten werden

 

Kreatives Schreiben - Linkliste 

 

 

Linksammlung zu "Kreatives Schreiben" im Deutschunterricht. Übersichten (Didaktik, Methodik, Vorgehensweisen) und einzelne Methoden (Fantasiereise, Cluster, Haiku etc.). Linkliste vollständig überarbeitet/geprüft 14.01.2012.

 

Bild: flickr burningmax[CC by-nc-sa]

 

Dieser Beitrag ist bereits einige Jahre alt. Möglicherweise funktionieren einige Links nicht mehr oder die Informationen, die Sie hier lesen, sind veraltet.

 

Bemühen Sie das Inhaltsverzeichnis oder die assoziative Stichwortsuche, um aktuelle Materialien zu finden.

 

Begriff "Kreatives Schreiben"

 

Wenn Sie im Internet nach Materialien für das Kreative Schreiben suchen, finden Sie viele Dinge, die Sie für den Deutschunterricht nicht brauchen können. Das hängt damit zusammen, dass der Begriff "Kreatives Schreiben" in den USA für jegliche Form fiktionalen Schreibens verwendet wird. Der Begriff wurde im Deutschen mit ähnlicher Bedeutung versehen, und so findet man unter dem Titel "Kreatives Schreiben" zahlreiche Anleitungen zum Erstellen eines Romans, zum Aufbau einer Kurzgeschichte, zum Spannungsaufbau usw.

 

Im Deutschunterricht hat die Methode "Kreatives Schreiben" häufig zusätzlich einen etwas anderen Fokus: Kreative Schreibübungen dient nicht nur dem Abbau von Schreibhemmungen und der Förderung eines flüssigen Schreibprozesses, sondern wird auch als alternativer Zugang zur Analyse fiktionaler Texte oder literarischer Strukturen verwendet. Die folgenden Links fokussieren das Kreative Schreiben im Deutschunterricht.

 

Linkliste: Kreatives Schreiben

 

Kreatives Schreiben (von Michael Breddin)

 

Definition, Übungen, Tipps; Konkrete Anleitungen für die Praxis. Sehr gut: Bezug zum Kreativen Schreiben nach literarischer Vorlage mit vielen Beispielen für Aufgabenstellungen (Sophokles: König Ödipus, Dürrenmatt: Besuch der alten Dame, Schiller: Maria Stuart). Gute Anmerkungen zur Beurteilung Kreativer Schreibaufgaben.

 

* Umfassendes Skript zum Kreativen Schreiben (PDF)

 

13-seitiges, höchst inspiratives und umfassendes Skript von Dr. Ingrid Böttcher. Neben einigen didaktisch-methodischen Überlegungen werden die Verfahren des Kreativen Schreibens in sechs Gruppen unterteilt (Assoziative Verfahren, Schreibspiele, Schreiben nach Vorgaben, Regeln und Mustern, Schreiben zu und nach (literarischen) Texten, Schreiben zu Stimuli, Weiterschreiben an kreativen Texten) und mit Beispielen näher ausgeführt.

 

* Verschiedene originelle Methoden des Kreativen Schreibens (homilia.de)

 

Vorschläge für (vor allem: spielerische) Methoden, z.B. "Zeitungsmeldung", "Textverfremdung" oder Textpuzzle mit kurzen Erläuterungen. In der oberen Navigation finden Sie unter "Schreiben" einen Menüpunkt "Methoden"; dort klappt noch ein weiteres Menü mit mehr Methoden auf!

 

Ideen zum Kreativen Schreiben (lfkdeutsch.de)

 

Verschiedene konkrete Ideen zum Kreativen Schreiben, z.B. Phantasiereise, Konstellationen komponieren, Wachsgedichte, Elfchen, Haikus. Jeweils sehr knappe Erklärung und ein Beispiel. 

 

Allgemeine interessante und inspirierende Gedanken zum Kreativen Schreiben in der Schule, v.a. didaktischer Natur.

 

* Fantasie und Gestaltung - kreatives Schreiben und gestaltendes Interpretieren (schule-bw.de)

 

Besonders interessant hier ist die Abteilung "Kleine Schreibwerkstatt". Insgesamt geht es um: Geschichten erfinden, erzählen und (digital) bebildern, Erzählhaltungen und -strategien analysieren, Erzählanfänge fortsetzen, Handlungssequenzen entwickeln, Szenarien und Bildimpulse in eine Geschichte umsetzen, Menschen beobachten und zu Handlungsträgern einer kleinen Geschichte machen - all dies gehört zu einem handlungsorientierten Deutschunterricht. Michael Breddin, König der modernen Deutschdidaktik und Deutschredakteur am Landesbildungsserver Baden-Württemberg, bietet Unterrichtsanregungen für die Klassen 3 bis 6, eine kleine Schreibwerkstatt für die Mittel- und Oberstufe mit Texten, Arbeitsanweisungen und Bildimpulsen, Bewertungskriterien inklusive Bewertungsbogen sowie eine kommentierte Linkliste. Für die Arbeit mit Bildern beachten Sie auch den folgenden Link.

 

* Bilder als Impulsgeber für kreative Schreibaufgaben (Breddin)

 

Die Sammlung "Visuelle Impulse für den kreativen Umgang mit literarischen Texten" beinhaltet knapp 200 Fotografien, die für Unterrichtszwecke frei verwendbar sind. Die Fotografien sind in Kategorien wie "Frühling", "Herbst", "Stimmung", "Behausung", "Meer", "Romantik", "Jahreszeiten" geordnet. Je nach Geschmack ist für jede/n etwas dabei, wie z.B. dieser melancholische Acker aus dem Bereich "Landschaft".

 

Skript zum Kreativen Schreiben (dagmarwilde.de)

 

Zusammenfassung aus Praxis Deutsch 119, teilweise sehr knapp: Kreativitätsbegriff, Entwicklung der Aufsatzdidaktik, psychologische Einflüsse auf das Kreative Schreiben, didaktische Überlegungen (welchen Platz im Unterricht, Verfahren)

 

Lehrproben zum Kreativen Schreiben (GEW-Lehrprobenbörse)

 

Viele Lehrproben zum Kreativen Schreiben. Achtung: Die GEW-Lehrprobenbörse der GEW-Berlin setzt voraus, dass man sich registriert und selbst Lehrproben hochlädt. Nach Registrierung kann man eine Lehrprobe kostenlos downloaden, alle weiteren erhält man nur im Tausch. Was immer man von diesem restriktiven Konzept auf den Webseiten einer Gewerkschaft, in der sich alle duzen, halten will: Insgesamt 4000 Lehrproben enthält die Börse, auch zum Kreativen Schreiben sind viele vorhanden (z.B. Bilder als kreativer Schreibanlass, Wir schreiben ein Akrostichon, Schreibkonferenz, Kreatives Schreiben zum Sommeranfang, Es weihnachtet sehr, Ein Tag bei den Steinzeitmenschen usw. usf.)

 

Handlungsorientierter und produktionsorientierter Literaturunterricht (zum.de)

 

Didaktische Ausführungen über Handlungsorientierung und Produktionsorientierung im Deutschunterricht, Schwerpunkt auf "Kreatives Schreiben"; außerdem sehr sinnvolle Anmerkungen zur Bewertung. Schwerpunkt auf Max Frisch: Andorra.

 

Linkliste: Kreatives Schreiben/Gestalten/Produktionsorientierter Unterricht (sondershaus.de)

 

Umfangreiche, kommentierte Linkliste, sehr veraltet (d.h. von 10 Links sind 8 nicht mehr erreichbar). Da hier und da doch ein guter Verweis zu finden ist, verlinken wir sie von hier.

 

Einzelne Methoden/Themen

 

* Möbelliebe (kubiwahn)

 

Sinnvolles und gleichzeitig unterhaltsames Konzept: Gegenstände im Klassenzimmer schreiben Liebesbriefe an andere Gegenstände.

 

* Schreibanlässe/Erzählanfänge mit einer iPad-/iPhone-App generieren

 

Die App heißt "writing prompts" und erzeugt per Zufallsgenerator Satzanfänge und/oder Orte, Charaktere, Gegenstände ... Hinweise zum Einsatz im Unterricht.

 

Haikus : Geschichte, Form, Schreibübungen

 

Umfangreiche Informationen zum Schreiben von Haiku, Überlegungen zur meditativen Dimension, die dem Haiku innewohnt, kurze Schreibübung. Dort erfährt man übrigens auch, dass der Plural von "Haiku" nicht "Haikus" lautet, sondern "Haiku".

 

Clustering

 

Zur ideenbeschaffenden Methode des Clustering eine strukturierte Übersicht aus dem Methodenpool der Uni Köln. Die Inhalte können auch als PDF-Dokument heruntergeladen werden.

 

Fantasiereise

 

Zur Planung und Durchführung einer Fantasiereise eine Übersicht aus dem Methodenpool der Uni Köln. Die Inhalte können auch als PDF-Dokument heruntergeladen werden.

 

phantasiereisen.de

 

Informationen zu Phantasiereisen, Beispielphantasiereisen mit ganz gutem Aufbau, eignen sich teilweise auch für kreative Schreibaufträge (Phantasiereise durchführen, über Inhalte der Phantasiereise kreativ schreiben). Evtl. auch für andere Fächer zu benutzen, so z.B. die Phantasiereise 'Mittelalter'

 

Fantasiereise bei zeitzuleben.de

 

Überblick über die wichtigsten Aspekte:  Überblick: Durchführung einer Phantasiereise, Phasen der Phantasiereise

 

Lehrprobe: Erstellung von assoziativen Ideenfeldern als Grundlage zum kreativen Schreiben (Klasse 4)

 

Nette Lehrprobe zum Thema "'Eine Insel voller Ideen' - Erstellung von assoziativen Ideenfeldern als Grundlage zum kreativen Schreiben" (Grundschule, Klasse 4). Für den Download ist eine kostenlose Registrierung erforderlich, die mit Abonnement eines Newsletters des Lugert-Verlags verknüpft ist.
Download als ein gezipptes Word-Dokument mit Verlaufsplan, didaktischen Überlegungen, Literaturhinweisen und Ausführungen zu Ideensammlungstechniken (Clustering, Mind-Mapping, Brainstorming).

 

Warum Schreiben hilft – so funktioniert “unsere” Methode in Schreibwerkstätten

 

 

 

In der Natur schreiben ist super! Umgeben von Bäumen, Wiesen, Himmel ist man viel echter. (Bild: Flickr, Pedro Ribeiro Simões, lizensiert unter CC BY 2.0)

 

Botschaften von mir, über mich, an mich

 

Seit Längerem wollen wir im Wanderbrief auch Interviews präsentieren – mit Personen, die über unsere Themen viel zu sagen haben. Den Anfang macht Alexander Wilhelm. Er ist Dipl.-Pädagoge und arbeitet in den Bereichen Sprach- und Psychotherapie in eigener Praxis in Dortmund. Seit mehr als 20 Jahren ist die Poesie- und Bibliotherapie einer der wesentlichen Schwerpunkte seiner Arbeit; er bildet auch andere Menschen als Poesie- und BibliotherapeutInnen aus. Und darüber haben wir ihn auch kennengelernt: Er ist einer der Dozenten unserer Ausbildung als „Leiterinnen persönlichkeitsbildender Schreibwerkstätten“. Wir freuen uns sehr, dass er die Zeit gefunden hat, sich für den Wanderbrief mit uns zu unterhalten.

 

Und übrigens, wenn Sie diesen recht langen Text nicht so gern im Browser lesen – hier können sie ihn als PDF herunterladen.

 

Nicht nur für die Klinik: Poesie- und Bibliotherapie

 

Dorothee Köhler (DK): Poesie- und Bibliotherapie – das klingt ja zunächst sehr klinisch, sehr psychiatrisch.

 

Alexander Wilhelm (AW): Wir verstehen den Begriff der „Therapie“ weiter, als er derzeit meist gesehen wird, nämlich im Sinne der Alten Griechen. Für die bedeutete therapeia (θεραπεία) nichts anderes als Dienen, Pflegen, Heilen. Poesie- und Bibliotherapie kann, aber muss nicht im therapeutischen Kontext angewandt werden. Sie hat auch ihren Platz in Schreibwerkstätten, dort wirkt sie persönlichkeitsbildend.

 

DK: Was genau passiert denn in der Poesie- und Bibliotherapie?

 

AW: In der Poesie- und Bibliotherapie kann die Persönlichkeit mithilfe des gezielten Einsatzes von Texten – geschrieben oder gelesen – gefördert und unterstützt werden. Poesietherapie ist der Einsatz des eigenen Schreibens – das heißt, ich nutze einen Einstieg und lasse KlientInnen oder Schreibgruppen-TeilnehmerInnen selbst schreiben, in Einzelarbeit oder in einer Gruppe. Die Bibliotherapie ist die Nutzung von gelesenen, vorgelesenen Texten in der Wirkung auf den Menschen. Das kann Literatur sein, aber auch andere Texte. Manchmal genügen sogar schon Sätze, oder Wörter! Ich habe in meiner eigenen Arbeit schon oft die Erfahrung gemacht, dass ein einzelnes Wort viel auslösen kann.

 

Sibylle Mühlke (SM): Meist wird ja, wenn überhaupt, nur von Poesietherapie gesprochen.

 

AW: Ich halte den Begriff der Bibliotherapie nach wie vor für wichtig. Natürlich finde ich in Schreibwerkstätten mit dem eigenen Schreiben einen Ausdruck für etwas. Aber die Wirkung eines vorgelesenen Textes ist auf uns fast noch größer als die Wirkung des eigenen Schreibens! Die Impulstexte und die anderen Texte aus der Gruppe können etwas Unerwartetes in mir anstoßen, woran ich noch gar nicht gedacht habe.

 

Was passiert in so einer Schreibwerkstatt?

 

SM: Die Texte aus der Gruppe – das ist ein gutes Stichwort, um auf den Unterschied des „Schreibens nur für sich“ und der Arbeit in Schreibwerkstätten, in einer Gruppe einzugehen. Was passiert da in so einer Gruppe? Was erwartet eine Person, die in so eine Schreibwerkstatt kommt?

 

AW: Ich kann über einen anderen Text – einen Impulstext –, über eine Bewegung, über ein Bild, einen Schreibprozess auslösen. Ich lese beispielsweise einen Text vor und lasse aus der Resonanz darauf schreiben. Und ich wähle ganz bewusst aus, was ich die TeilnehmerInnen schreiben lasse: einen assoziativen Text, der frei von jeder Form ist, ein verdichteter Text, also ein Gedicht, oder ich gehe in den erzählerischen Bereich, und auch da unterscheide ich verschiedenen Formen. Jede Form bewirkt etwas anderes. Anschließend werden die Texte vorgelesen. Wir sprechen dann vom Prozess der Veröffentlichung.

 

Das Vorlesen, die Veröffentlichung eines Textes ist absolut kein „Muss“ – auch nicht in den wandern und schreiben-Workshops. Wir gehen auf die große Bedeutung der Freiwilligkeit später genauer ein.

 

AW: Beim Vorlesen höre ich meine eigene Stimme, meinen eigenen Text, das kann besondere Gefühle und Entdeckungen ermöglichen.

 

SM: Die Sachen bekommen durch das Vorlesen ein neues Gewicht.

 

AW: Ja. Und ich zeige mich der Gruppe. Dazu ist es natürlich wichtig, dass seitens der Gruppenleitung ein gutes, vertrauensvolles Klima geschaffen wurde. Wenn ich möchte, höre ich im Anschluss an das Vorlesen von den anderen TeilnehmerInnen, was mein Text bei ihnen ausgelöst hat, was sie beobachten.

 

SM: Aber es wird nicht gewertet!

 

AW: Genau. Was zu den Texten gesagt wird, ist wertneutral. Denn auch ein Text kann verschiedene Ansichten hervorrufen und was die eine schön findet, findet der andere vielleicht gar nicht so schön. Aber wenn alles nur schön geschrieben werden soll, bringt das auch nicht viel.

 

DK: Ich habe die Möglichkeit, meine eigene Sprache zu finden.

 

AW: Absolut. Es geht darum, mich nicht so auszudrücken wie alle anderen, sondern etwas Eigenes zu finden – so wie ich es empfinde, wie ich es beschreibe. Etwas von mir Gestaltetes. Um kreativ Worte zusammenzusetzen, brauche ich keine spezielle Ausbildung, ich muss es mir nur erlauben. Ich sehe das auch als wesentliche Aufgabe von GruppenleiterInnen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Kreativität entstehen kann. Denn die meisten erlauben sich ja nicht, einfach mit Worten zu spielen. Wirklich zu spielen. Denn spielen heißt ja: ich probiere was aus, und egal, was dabei rauskommt, es ist gut genug.

 

Jede und jeder kann schreiben – für wen sind Schreibwerkstätten?

 

Alexander Wilhelm hat bereits mit Kindern, Analphabeten und Dementen poesie- und bibliotherapeutisch gearbeitet. Und auch Schreibwerkstätten – und Workshops wie unsere – richten sich keineswegs nur an Schreiberfahrene. Ganz im Gegenteil!

 

SM: Für wen ist die Poesie- und Bibliotherapie, sind solche Schreibwerkstätten geeignet?

 

AW: Die Bereitschaft, sich mit Worten, schriftlich auszudrücken, muss da sein. Wenn ich bereit bin, zu versuchen, einmal zu erleben, wie ich etwas schriftlich ausdrücke, dann kann ich von einer Schreibwerkstatt profitieren.

 

SM: „Ich kann ja gar nicht schreiben, ich war schon in der Schule immer so schlecht“ – diesen Einwand lässt du also nicht gelten?

 

AW: Genau. Es ist auch völlig gleichgültig, welche Bildungsvoraussetzungen ich habe; ich habe auch schon oft mit Menschen gearbeitet, die mit Literatur überhaupt nichts am Hut haben. Poesie- und Bibliotherapie funktioniert auch mit Groschenromanen, mit solchen „Romänschen“! Mir ist wichtig, dass Menschen Texte zu ihrer Stärkung nehmen und sie das rausholen, was sie gut finden und was ihnen gut tut – und nicht das, was irgendein Literaturkritiker empfiehlt.

 

Warum hilft‘s? Wirkfaktoren

 

DK: Uns würde noch interessieren, welche Wirkfaktoren du bei der Poesie- und Bibliotherapie siehst. Warum hilft das?

 

AW: Erstmal den Wirkfaktor der Bewusstwerdung: Ich gewinne eine Einsicht in das, was vor sich geht, wie ich etwas erlebt habe, in welchem Zusammenhang das steht. Darüber hinaus kann ich durch die Gruppe Solidarität erleben. Ich sehe: Ach, es ist nicht nur mir so ergangen. Und durch eine vertrauensvolle, verständnisvolle Gruppe und Leitung ist auch eine Nachsozialisation möglich.

 

SM: Bei Schreibwerkstätten, bei der nicht-therapeutischen Arbeit in gewissen Grenzen.

 

AW: Ja. Doch ich kann auch da die Erfahrung machen, dass ich angenommen werde, wenn ich mich mit etwas zeige, das ich zunächst gar nicht sehen wollte. Das ist für mich eine ganz wichtige Erfahrung: Ich werde genau so geschätzt wie vorher.

 

Ohne Zwänge

 

SM: Reden wir vielleicht noch einmal über das Element der Freiwilligkeit. Das ist ja auch ein sehr wichtiger Faktor.

 

AW: Unbedingt! Es gibt zum Beispiel von Pennebaker eine Untersuchung (vgl .Pennebaker, James W. „Heilung durch Schreiben“ Bern 2010), in der er feststellte, dass das Vorlesen von Texten schadet. Ich war erst verblüfft, bis ich herausbekam, er hat Gruppen gebildet, wo das Vorlesen eine Verpflichtung war.

 

DK: Das hemmt ja schon beim Schreiben.

 

AW: Natürlich! Wenn ich denke, ohgottogott, gleich muss ich vorlesen, schreibe ich nicht viel und ziehe mich sofort zurück. Der Prozess ist in dem Moment beendet, wo er beginnt. Und was man auch nicht vergessen darf: Aus jeder Schreibsituation, nehmen die Teilnehmer etwas mit – auch wenn sie nicht vorlesen.

 

Die Macht des Wortes verantwortungsvoll nutzen – Was lernen Schreibgruppen-LeiterInnen?

 

Aus Deutschland gibt es bereits aus der Zeit um 1870–75 Belege, die zeigen, dass im psychiatrischen Bereich mit Texten gearbeitet wurde. Weiterentwickelt wurde die Methode Anfang des vorigen Jahrhunderts vor allem in den US, dort ist Poetry Therapy seit den 1960er-, 70er-Jahren als eigenständige Methode im Heilwesen etabliert. In Deutschland wurden seit den 60er Jahren Impulse von Ilse Orth und Hilarion Petzold vom Fritz-Perls-Institut aufgenommen und wesentlich weiter entwickelt. Das Institut bildet TherapeutInnen und SchreibgruppenleiterInnen aus – unter anderem auch uns.

 

SM: Du hast jetzt schon mehrmals die Rolle der SchreibgruppenleiterInnen für das Gelingen des Prozesses erwähnt.

 

AW: Selbst wenn man nicht psychotherapeutisch arbeitet, sondern im Bildungsbereich, bei Schreibwerkstätten, bleibt, haben die GruppenleiterInnen eine hohe Verantwortung. Auch in solchen Schreibwerkstätten entstehen bei den Teilnehmenden Emotionen, es gibt Gruppendynamiken. Es ist notwenig, dass die Leitenden damit angemessen umgehen, dass sie die TeilnehmerInnen dann nicht stehenlassen mit ihren Emotionen. Ich höre von anderen Schreibwerkstätten immer wieder, dass das passiert. Und beim Aufbau eines Kurses, eines Workshops müssen die einzelnen Schritte sinnvoll konzipiert sein und die LeiterInnen müssen auch wissen, welche Themen schwierig sein könnten. Sie müssen sich bewusst sein, was sie damit auslösen können. Denn die Poesie- und Bibliotherapie, egal ob im therapeutischen Setting oder im Bildungs-Setting, hat eine enorme Macht, die Macht des Wortes.

 

Natur, Bewegung, Schreiben

 

DK: Wir bringen ja das persönlichkeitsbildende Schreiben mit Bewegung in der Natur zusammen. Wie schätzt du das denn ein: Wie sinnvoll oder gut ist diese Kombination?

 

AW: Natur, Bewegung und Schreiben sind untrennbar! Wir sind als Menschen Teil der Natur. Und Bewegung ist unter anderem auch Schreiben. In der Bewegung – zum Beispiel beim Bergwandern – bin ich mit mir und meinen Fähigkeiten teilweise am Limit. Wenn ich in dem Augenblick mein Gefühl zu Papier bringe, ist das etwas ganz anderes, als wenn ich in einer Volkshochschule sitze. Ich bin dann viel näher bei mir. Friedrich Nietzsche war sich seinerzeit sicher zu erkennen, ob ein Text „ersessen oder ergangen“ sei.

 

DK/SM: Vielen Dank für das Gespräch.